Seit vergangenem Oktober drehe ich in Paris als Radkurier meine Runden. Vier mal
die Woche pendle ich zwischen Boulevard Haussmann, Place de la Republique und Montparnasse. Nicht mehr als
50 Radkuriere gibt es in dieser Stadt mit ihren über 5 Millionen Einwohnern, was den Unterschied zu
Deutschland schon gut verdeutlicht. Hier ein paar schnelle Fakten:
Anzahl Kilometer pro Schicht: 60 bis 110. Entlöhnung: Fest angestellt, etwa 1000 bis 1500 Euro netto. Einsatzgebiet: ganz Paris inklusive erstem Gürtel Banlieue, hin und wieder noch weiter raus. Bußgeld für Rote Ampel: 90 Euro.
C'est fini. 24. November 2009 Das Jahr in Paris ist rum, ich bin jetzt ersteinmal und bis auf weiteres Exenger. Eine Woche vor Ende meines Vertrages schaffte es eine Verkehrsteilnehmerin auch noch, mich in ihre Tür fahren zu lassen. Auf dem Foto kann man, wenn man genau hinschaut, den Abruck der Autotür auf meinem Arm erkennen:
Das Schöne am Kurierberuf - Radkurier wohlgemerkt - ist meiner Meinung nach die persönliche Beziehung, die man zu einer Stadt aufbaut. Mir ist es, als hätte ich Paris monatelang mit meinen Reifen gestreichelt, an allen möglichen Stellen. Ich habe zu den Straßen ein fast persönliches Verhältnis. Das wäre kaum möglich, würde ich den Weg zur Arbeit jeden Tag mit der Metro zurücklegen. Das Gefühl der Routine habe ich fast nie bei der Arbeit, jeder Tag ist ein wenig anders. Am Tagesende, nach einem Blick auf den Kilometerzähler, das Gefühl, ordentlich etwas gestemmt zu haben. Ein andere Sache ist die erneute Arbeitssuche; wie groß ist eigentlich die Wahl, die ich hier noch habe? Die Stellensuche in einer kleineren Stadt fühlt sich mittlerweile wie ein Rückschritt an: der Lohn ist geringer, die Arbeit weniger aufregend, und nicht selten fahren die Kuriere auf ihren alten Mountainbikes und tragen bei Regen einen Plastiküberzug auf ihren Helmen, was einem den Eindruck vermittelt, als sei man wieder in den frühen neunziger Jahren, als das Fahrradkurierwesen in einigen Ländern Europas gerade Fuß fasste. Global Gutz 2009 22. Juni 2009 Seit neun Jahren gibt es den Global Gutz, dieses Jahr fand er auch in Paris statt. Der Global Gutz ist ein internationales Kurierrennen, welches simultan rund um den Globus ausgetragen wird - so muss man als schlechtverdienender Kurier nicht um die halbe Welt reisen, um sich mit den anderen zu messen. Die Strecke von 21 Kilometern ist vorgeschrieben, die 5 Checkpoints auch. Den lokalen Organisatoren wird geraten, den Streckenverlauf so simpel wie möglich zu gestalten. Der Gewinner erhält ein Ticket für den CMWC 2009 in Tokyo. Schnellste Zeit war dieses Jahr wieder um die 30 Minuten, ich selber kam bei 34:01 ins Ziel, knapp hinter Cornelius (34:00) und Gabriel (33:53). Global Gutz Homepage.
2 Tage hält der Schwalbe Blizzard 5. Juni 2009 Ich kann mittlerweile eine Kollektion vorweisen an Gegenständen, die es durch sämtliche Schutzbänder meiner Reifen geschafft haben - ich hatte noch nie so viele Platten wie in Paris. Diesmal eine Glasscherbe, bei der auch der Kevlar-Schutz meines neuen Schwalbe Blizzard sowie das Antiplatt-Band nichts half:
Chrome vs. Ortlieb 18. Mai 2009 Anscheinend gibt es im Radkuriergewerbe nur zwei wirklich verbreitete Taschen: die Ortlieb Messengerbag und die Kuriertasche von Chrome. In Freiburg fuhr ich mit der Ortliebtasche, in Paris ist es die Chrome Metropolis (glaube ich zumindest, ich finde beim besten Willen keinen Hinweis darauf an der Tasche). Welche ist nun besser geeignet für den Kurieralltag? Was für die Chrome spricht, ist die Tatsache, dass man die Tasche um die Schulter gehängt lassen kann, wenn man etwas herausnehmen oder darin verstauen will. Bei größeren Gegenständen muss man dazu allerdings die Länge des Schulterriemens anpassen, was am Ende wieder genausoviel Zeit in Anspruch nimmt, wie wenn man die ganze Tasche ab- und wieder aufsetzt. Bei schwereren Ladungen ist die Tasche nicht mehr so komfortabel zu tragen, da der Riemen einseitig die linke Schulter belastet. Zieht man die Tasche eng an den Körper, hängt der Gurt vorne herunter und stört beim Fahren - man muss ihn also unter dem Schulterpolster o.ä. durchführen, was bei mir wiederum dazu führt, dass sich der Gurt in der Metallöse verdreht, wodurch ich beim Anpassen des Schulterriemens mehr Kraft brauche - um nicht zu sagen: daran herumzerren muss. (Nachtrag: wenn man beim Anpassen der Länge allerdings darauf achtet, dass der Gurt vor der Öse nicht verdreht ist, dann verklemmt er sich auch nicht.) Desweiteren rutscht die Tasche während der Fahrt immer an der rechten Seite herunter; bei Wind, Regen, Dunkelheit und starkem Verkehr kann das sehr nervig werden, ebenso beim schnellen Fahren. Die Chrome Tasche hat einen zusätzlichen Gurt, den man unter dem linken Arm hindurch mit dem Schulterriemen verbinden kann. Dadurch sitzt die Tasche etwas stabiler auf dem Rücken, läßt sich aber nicht mehr so ohne weiteres abnehmen. Die Ortlieb Messengerbag hat den Nachteil, dass man sie, selbst für das allerkleinste Briefchen, immer abnehmen muss. Bei voller Ladung kriegt man die Tasche außerdem oben nicht mehr zu, da hier nur ein Klettverschluss existiert und kein Clip wie bei der Chrome. Allerdings lassen sich schwere Ladungen mit der Ortlieb gut und ohne großen Gleichgewichtsverlust transportieren. Man muss sich wohl auch weniger Gedanken machen über mögliche Wirbelsäulenschäden als mit der Chrome. Die Ortlieb Messengerbag Pro hat zudem innen einen mit zwei Druckknöpfen befestigten Einsatz, der sich zum Verstauen von Fahrtenchecks, Kugelschreibern, Kleingeld etc. eignet. Interessanterweise kann man diesen Einsatz auch als Hüftgurttasche verwenden, so wie ich es jetzt in Düsseldorf seit einiger Zeit tue. Alles in allem denke ich, dass die Chrome zwar "schicker" aussieht, weswegen sie ja auch bei Nicht-Kurieren recht beliebt ist. Nervige Kleinigkeiten lassen mich aber daran zweifeln, ob wirklich alles bis zum Ende durchdacht wurde. Hier ist die Ortlieb Messengerbag für den Alltag brauchbarer, weil einfacher zu handhaben. Wenn man den doofen Klettverschluss noch mit einem Clip ergänzen könnte, wäre sie für mich sogar noch erheblich besser.
Schwalbe Durano 16. Mai 2009 Ein paar Worte zur Bereifung: nachdem ich fast ein Jahr lang den Schwalbe Stelvio gefahren hatte, hier in Paris aber keinen passenden Ersatz fand, bestellte ich mir in Deutschland einen Satz Schwalbe Durano 700x28 Faltreifen, zu einem nicht ganz unerheblichen Preis, wenn man die Versandkosten noch mit einberechnet. Eine Investition für die nächsten Monate, wie ich mir dachte. Der Durano soll sich, so die Schwalbe-Webseite, durch seine besondere Langlebigkeit auszeichnen, daher auch der Name. Jedenfalls scheint der Reifen aber nicht in einer Großstadt getestet worden zu sein, denn nach etwas mehr als 2 Monaten hat er nur noch Schrottwert (siehe Bild unten): eine Scherbe oder etwas dergleichen hat ein tiefes Loch ins Gummi gerissen, an anderen Stellen sind ähnlich tiefe Schnitte zu verzeichnen. Fazit: für dieses Einsatzgebiet (Großstadt mit Scherben, Metallborden, Kopfsteinpflaster) nicht wirklich zu empfehlen. Bei nasser Fahrbahn hatte ich ein paar Stürze durch ein wegrutschendes Vorderrad.
Erste Pariser Kuriermeisterschaften: CPCV 2009! 7. Mai 2009 Das Championat Parisien des Coursiers à Vélo, kurz CPCV, fand vom 1. bis 3. Mai an verschiedenen Orten in Paris statt. Als Eröffnung hatten ein paar Leute von Urban Cycle ein Alleycat in der Defense organisiert, mit interessanten, neuen Regeln. Kurz gesagt gewann derjenige, der am meisten Glück beim Würfeln hatte (sic). Das Hauptrennen, von Pat von Urban Cycle organisiert, fand am 2. Mai statt, fast 50 Kuriere versammelten sich in einer engen Seitengasse im 3. Arrondissement. Ergebnis: Erster wie immer Gab, ich selber "nur" Elfter. Um ein Haar hätte ein Gast aus Lausanne die gesamte Pariser Kurierelite geschlagen. An Tag drei der Meisterschaften, zur Freude aller Fakenger und Fixie Piloten, dann noch ein Poloturnier mit internationaler Beteiligung, so das Team "La Schmoove" aus London, die den sehr guten dritten Platz belegten.
Hindernisse 4. Mai 2009 Wie kann man als Fahrradkurier Zeit verlieren? Indem sich ein spitzer kleiner Nagel durch das Vorderrad und das darunter eingefügte Antiplatt-Band bohrt. Wie kann man noch mehr Zeit verlieren? Indem sich das Ganze rund vier Wochen später wiederholt, mit einem fast identischen Nagel, diesmal im Hinterreifen!
Echter Roland-Garros Sand... 13. April 2009 Dies gehört in die Rubrik der skurillen Lieferungen; gleich nach dem Mittagessen erhalte ich den Auftrag, auf dem Roland-Garros-Gelände fünf Packungen Tennisbälle abzuholen. Ohne weitere Informationen ist das etwas schwierig, weil auf dem Gelände hunderte von Personen arbeiten. Später stellte sich heraus, dass die Leute vor Ort gar nicht informiert waren über die Lieferung. Außerdem handelte es sich nicht um Tennisbälle, sondern - um echten Roland-Garros Sand, verpackt in fünf Dunlop-Tennisballröhren. Mit diesen etwa sieben Kilo Sand auf dem Rücken durchquere ich dann die ganze Stadt bis zu einem Labor im elften Arrondissement, dem Empfänger der Lieferung. Ich wische die letzten roten Staubreste aus meiner Kuriertasche, dann geht es weiter durch den einsetzenden Regen...
Allo?cat 11. April 2009 Ein wenig Spaß wollte ich haben, die anderen Kuriere treffen und mich wenn möglich in den Top 10 platzieren. Doch wiedereinmal kam es anders. Gleich beim zweiten Checkpoint stellte ich fest, dass ich mein Manifest verloren hatte. Ich hängte mich also einfach an die beiden Schnellsten (Gab und Max), um wenigstens das Rennen noch zu Ende bringen zu können. Ich wusste, wenn ich die Beiden aus den Augen verliere, wäre Schluß, denn ohne mein Manifest hatte ich keine Chance, die anderen Checkpoints zu finden. Alles ging gut, über Père Lachaise und die Nation kamen wir beim Stand von etwa 30 Kilometern bis zum Boulevard Rocheouart, und dort passierte es: auf der Radspur fahrend, verhedderte sich eine Plastiktüte in meinem Freilauf, die Pedale blockierten, und das war es mal wieder gewesen. Ich musste mir in einer Kneipe ein Messer leihen, und eine Viertelstunde säbelte ich an der Plastiktüte herum, bis ich endlich wieder fahren konnte. Die drei Leute, mit denen ich in einer Gruppe gefahren war, machten dann die ersten Plätze unter sich aus, es gewann Pat von Urban Cycle.
Mein Rad
Mein Rad ist ziemlich alt. Es ist ein Ciöcc World '77 Rennrad. Was mich nicht daran hindert, Tag für Tag damit meine Runden zu drehen. Es ist nicht wirklich mein Wunschrad, eher ein Kompromiss. Die Schaltung habe ich komplett demontiert und hinten eine Miche XPress Nabe eingebaut. Die Übersetzung ist momentan 52/16, was für Paris recht heftig ist, aber irgendwie kommt mir dieser schwere Gang auch entgegegen. Oder anders ausgedrückt: an einem guten Tag fährt man mit dieser Übersetzung alles in Grund und Boden, an einem schlechten ist es eine elende Schinderei...
Leider berühren meine Füsse bei waagrecht gestellten Pedalen das eingeschlagene Vorderrad, weshalb ich bisher noch nicht auf die Fixie-Nabe gewechselt habe. Ich würde beim durch-den-Verkehr-schlängeln einfach zu oft auf die Fresse fallen. Selbst jetzt geschieht es hin und wieder, dass ich mit dem Fuss hängen bleibe und flach lande. Die alten Campagnolo-Bremshebel sehen nicht ganz so toll aus, und der Steuersatz hat auch schon bessere Tage gesehen. Trotz dieser Schönheitsfehler bin ich zufrieden, weil ich mit dem Rad kaum Ausfälle habe. |
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Anfang
Der erste Tag war noch ganz Okay, der zweite und dritte dagegen die Hölle; andauernd verfahre ich mich in der chaotischen Innenstadt, eine Straße sieht wie die andere aus. Gab es in Freiburg noch genügend Gebäude, an denen ich mich orientieren konnte, reihen sich hier nur die immergleichen Haussmann'schen Bauten aneinander. Um das Ganze noch zu verkomplizieren, sind mehr als die Hälfte aller Straßen in Paris Einbahnstraßen. Und es ist nicht etwa so, dass nach einer solchen Einbahnstraße die nächste in die entgegengesetzte Richtung führt, von wegen: es gibt Gegenden, wie zum Beispiel um die Place de la Republice im 10ten Arrondissement, da reiht sich eine Einbahnstraße an die andere, und alle verlaufen sie in der gleichen Richtung! Wer sich das ausgedacht hat, muss einer tieferen Logik gefolgt sein, die ich bis heute nicht verstanden habe. Ein anderer wesentlicher Charakterzug dieser Stadt ist das Kopfsteinpflaster. Sehr romantisch! Stellenweise ist es in einem so miserablen Zustand, zum Beispiel auf dem Boulevard Haussmann kurz vor der Place St. Augustin, dass ich mich echt frage, wo die Verantwortlichen das Straßenbauen gelernt haben. Bei Regen wird das Ganze dann noch zu einer recht kniffeligen Schlidderpartie, und das bei dauernd und chronisch verstopften Straßen. In einem Wort: Radkurier in Paris zu sein, macht mir Spaß! |
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20 Minuten, immerhin...
Ich hole in der Firma die Chrome-Tasche und das Handy ab. Ich bin eine halbe Stunde zu spät, weil ich den Boulevard Peripherique genommen habe, anstatt mitten durch die Innenstadt zu fahren. Ich bin jetzt also Fahrradkurier in Paris. Anders als in Freiburg wird man hier ins kalte Wasser geworfen - ein Stadtplan muss genügen, um sich von Anfang an alleine zurechtzufinden. Ich schwinge mich auf mein Ciöcc World '77 und fahre los. Standesgemäß halte ich nicht an jeder Ampel, da ich schnell zurück in die Innenstadt kommen will. In den ersten Arbeitstagen werde ich vor allem dort, zwischen dem ersten und dem vierten Arrondissement, Aufträge fahren. Wie ich gerade die Rue de Rennes hinunterkomme, sehe ich vor mir eine weitere rote Ampel. Ich umkurve die Wagenkolonne, die bereits dort steht, und fahre weiter - in genau demselben Augenblick, in dem aus der Seitenstraße eine zweiköpfige Radpatrouille der Polizei gefahren kommt! Ich versuche noch, hinter die weisse Linie zurückzukurven, doch die Flics kennen kein Pardon und winken mich mit steinerner Miene an die Straßenseite. 20 Minuten im Geschäft, und schon um 90 Euros ärmer! Einer der beiden zückt sofort sein kleines rosa Heftchen, um mich aufzuschreiben. Dann sieht er, dass ich Kurier bin, und will die Nummer von meiner Firma wissen. Ich verbinde ihn direkt mit meinem Disponenten, und das ist mein Glück - denn irgendwie schaffen es die Jungs am anderen Ende, dem Blauen die Situation darzulegen, worauf mich dieser, nach einer letzten Warnung, ungeschoren davonfahren läßt. Ich atme auf...
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Alleycat à la parisienne
Mein erstes Alleycat überhaupt war das, was meine erste Arbeitswoche war: eine Katastrophe! Dabei fing alles noch ganz lustig an. Die "Organisatoren", in diesem Fall JBoule von Urban Cycle, hatten sich als Treffpunkt die Allée des Cygnes ausgedacht, eine Art künstliche Insel in der Mitte der Seine, und dort standen wir dann erstmal über eine Stunde in der Kälte herum. Dann waren endlich alle Helfer an ihren Checkpoints, und wir stellten uns zu einem klassischen Le-Mans-Start auf. Wer in Paris ein Alleycat gewinnen will, muss nicht nur schnell sein, sondern auch die Stadt sehr gut kennen. Ich tat jedenfalls mein Bestes, doch nach dem zweiten Checkpoint verfuhr ich mich etwas und landete mitten im Bois de Boulogne, abends voller Prosituierter und anderer zwielichtiger Gestalten, und dazwischen ein paar Radkuriere, die verzweifelt "Checkpoint! Checkpoint!" in die dunklen Wälder riefen... Es ging im selben Stil weiter, ich musste raus zur Defense, die ich leider noch überhaupt nicht kannte, und daher eine gute Dreiviertelstunde damit verschwendete, einen Aufgang zum großen Arc de la Defense zu finden. Dort angekommen stelle ich fest, dass sich meine linke Kurbel vom Innenlager zu lösen begann, womit das Rennen für mich gegessen war, denn einen 14er Schlüssel hatte ich gerade nicht dabei. Frohe Weihnachten!
20 Minuten Reloaded
17. März 2009 Es ist heiss in Paris. Ich halte Ecke Rue Montparnasse und Boulevard Raspail, um die Windstopper-Jacke auszuziehen. Dann fahre ich weiter. Die beiden roten Ampeln, die ich dabei hinter mir lasse, bemerke ich nicht einmal. Sie werden mir erst bewusst gemacht von dem Fahrrad-Bullen, der sich mit seiner schlecht geölten Kette hinter mich gehängt hat, wie ich mit einem Blick in ein Schaufenster neben mir feststellen muss. "Monsieur!" Nun gut, ich halte an. Abzuhauen wäre auch eine Option, nur müsste ich dabei weitere Ampeln überfahren oder Einbahnstrassen gegen den Strich nehmen, was genauso viel kostet, und mir bei einer Radpatrouille nicht sehr viel nützt. Ich steige also ab: sogleich erkenne ich den einen der beiden Velo-Cops wieder - es ist derselbe, der mich an meinem ersten Arbeitstag, nach genau 20 Minuten, rausgewunken hatte. Und wir sind hier nur ein oder zwei Straßen weiter, au weia. "Habe ich eine rote Ampel überfahren?" frage ich ganz unschuldig. "Zwei!". Ooops. Sie wollen natürlich meinen Ausweis sehen usw., und in diesem Augenblick erinnert sich auch der Flic an mich. "Kennen wir uns nicht von der Rue de Rennes, damals?" Schon möglich. In genau diesem Augenblick fährt ein anderer Radler an uns vorbei, den sie ebenfalls anhalten. Sie scheinen ihn sogar viel interessanter zu finden als mich, denn die nächsten fünf Minuten stehe ich nur da und warte auf mein Urteil, während die beiden auf den anderen Radler einreden. Dann bekomme ich meinen Ausweis zurück: "Sie haben Glück, wir müssen uns mit dem anderen Herrn dort beschäftigen. Aber dass Sie mir jetzt nicht so weitermachen jeden Tag!" Ich kann es kaum glauben, in meinen Gedanken hatte ich die 180 Euro bereits abgeschrieben, doch ich komme tatsächlich noch einmal ungeschoren davon. Die einzige streng logische Erklärung für soviel Glück ist, dass Hermes, der Gott aller Boten, über mich wacht. Es leben die alten Griechen!
La Defense
27. März 2009 Die Defense ist ein Geschäftsbezirk im Westen von Paris. Er wurde in den 60er Jahren aus dem Boden gestampft und danach durch den Grand Arc weltberühmt. Das Interessante an diesem Teil von Paris ist, dass er sich nicht nur in die Weite, sondern auch in die Höhe ausdehnt. Er ist quasi dreidimensional. Als ich einmal ein paar Kazi's (Büromenschen mit Kaffee und Zigarette) nach der Place de l'Hémicicle fragte, bekam ich zur Antwort: "Über ihnen". Ich musste mein Rad schultern und es eine Treppe hinauftragen, und dort war dann ein richtiger Platz mit Bäumen, Kopfsteinpflaster, Passanten und allen drum und dran. Die untere Ebende der Defense wird demzufolge von einem ziemlichen Gewirr von zum Teil unterirdischen Verbindungsstraßen bestimmt, die obere Ebene besteht aus einer Ansammlung von futuristischen Gebäudekomplexen. Auf jeden Fall ist es immer eine Abwechslung, wenn ich dort mal wieder hin muss.
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