7 
Nun stand ich am Sammelpunkt für den kleinen Bus, der mehrmals die Woche Cobija mit den abgelegenen Dschungeldörfern im Naturreservat Manuripi verband. Dabei hatte ich einen grossen Plastiksack mit Coca, Tauschware Nummer eins in den Dörfern am Fluss. Alles Überflüssige hatte ich der Dame des Alojamientos zur Aufbewahrung überlassen, mein kleiner Rucksack wog nur wenige Kilogramm, das meiste Gewicht stammte von den Nudeln und dem Reis, die ich für unterwegs dabeihatte. Der kleine Bus brachte mich nach San Silvestre, einer kleinen Ansammlung von Hütten direkt am Ufer des Rio Manuripi, dem Fluss, den ich mir auserkoren hatte. Ich zeigte gleich dem Parkwächter meine Zulassung. “Du willst nach Puerto Rico, ganz allein? Hast du keine Angst?” Ich sagte nein, und es stimmte. Jetzt, wo ich den Fluss wirklich vor mir sah, und mit all den Vorbereitungen der letzten Wochen, fühlte ich mich bereit für das Unternehmen. Mit dem Parkwächter paddelte ich hinüber ans andere Ufer des Flusses, dort wohnte ein Bootsbauer. Das schien ein großes Glück zu sein, denn ein Kanu hatte keiner zu verkaufen. Der Bootsbauer war gerade dabei, einen neuen Ponton fertigzustellen, eines dieser großen Floße, mit denen die Fahrzeuge über den Fluss gebracht werden. Er und seine zwei Gehilfen musterten mich mit nicht besonders freundlichen Blicken. Wir sprachen über ein zu bauendes Kanu und einigten uns, nachdem er mir ein bereits Angefangenes gezeigt hatte, auf einen Neubau, schlank und für ein oder zwei Personen, für 400 Pesos. Er fing gleich mit dem Bau an. Ich ging desweilen hinüber zu seinem Haus, das auch als einfache Gaststätte diente. Dort arbeiteten zwei Frauen, eine davon recht jung, mit der ich ins Gespräch kam. Später erfuhr ich, dass es die Schwester des Bootsbauers war. Sie hiess Alejandra, und wir verstanden uns ziemlich gut. Sie war zwar erst 18 Jahre alt, hatte aber bereits zwei kleine Kinder, mit denen sie hierher gekommen war, da sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, der mit einer anderen fremdgegangen war. Ich spielte mit ihrem kleinen Sohn, der in der Hängematte lag, und bemerkte dabei die Blicke der Anderen. Ich dachte auf einmal, dass man in Bolivien als Fremder vielleicht nicht einfach so mit den Kindern einer fremden Frau spielen könne, und ließ zunächst davon ab. Ich wollte ja nur mein Kanu, und bestimmt keine uralten indianischen Anstandsregeln verletzen. Ich war nun also zu Gast bei dieser kleinen Familie, während mein Kanu Stunde für Stunde an Form gewann, was ich bei regelmäßigen Besuchen an der Baustelle überprüfte. Die Gewissenhaftigkeit, mit der der Bootsbauer zu Werke ging, gefiel mir und beruhigte mich, und die Geübtheit, mit der er die riesige Motorsäge ansetzte, imponierte mir.
 7