4 
Alto Madidi
Ich wollte in Alto Madidi einen Testlauf für das eigentliche Abenteuer veranstalten, der mir die Gelegenheit geben sollte, grundsätzliche Dinge wie das Wasserentkeimen oder Palmherzenessen auszuprobieren und eventuelle Änderungen an der Ausrüstung vornehmen zu können. Der Weg nach Alto Madidi, in meiner Vorstellung ein kleines Urwalddorf am Ufer des Rio Maidid, führte über Rurrenabaque und von dort weiter mit einem kleinen Jeep über eine Dschungelpiste bis nach Ixiamas. Dort sass ich fest, da es keinen regelmäßigen Verkehr auf dem weiteren Verlauf der Strecke gab. Am dritten Tag fand ich eine Mitfahrgelegenheit auf dem Truck einer Holzfirma, in deren Camp ich nächtigte. Am nächsten Tag setzte man mich dann mitten im Dschungel an einer Straßenkreuzung ab. “Nach Alto Madidi geht es da links lang, 6 Stunden zu Fuss.” Ich hatte meine gesamte Ausrüstung dabei, inklusive Laptop und Daunenschlafsack, weil ich davon ausgegangen war, die überflüssigen Dinge vorher noch zwischenlagern zu können. So musste ich nun mit dem großen Tramper losmarschieren, anstatt nur mit dem kleinen Dschungelrucksack. Nach einer Stunde auf dem einsamen Pfad nach Alto Madidi traf ich auf eine Gruppe Jäger, die an einem Fluss ihr Lager aufgeschlagen hatten. Einer von ihnen schien Probleme mit seinem Fuss zu haben und fragte mich nach Medizin. Ich hatte nur ein paar starke Schmerztabletten dabei, von denen ich ihm zwei gab. Dann war ich wieder alleine auf dem Pfad, der viel zu schmal für ein Fahrzeug war, was mich stutzig machte – gingen die Leute alle zu Fuss in ihr Dorf? Auf einmal spürte ich an meinem rechten Knöchel einen Schmerz und schaute hinunter: da war eine kleine, kreisförmige Wunde. Mir fuhr ein Schreck durch alle Glieder, das Herz begann zu rasen. War ich tatsächlich gebissen worden? Die nächste Hilfe war Stunden entfernt, hier war also nichts zu erwarten. Ich setzte den Rucksack ab und machte mir mit einem Hemd eine Kompresse direkt oberhalb des Knies. Ich wusste, dass es nichts brachte, dazusitzen, da ich schlicht und ergreifend völlig alleine war. Also schulterte ich den Rucksack wieder und marschierte weiter. Alle halbe Stunde öffnete ich die Kompresse kurz, um das Blut zirkulieren zu lassen. Als ich nach über einer Stunde immer noch keine Beschwerden verspürte, nahm ich die Kompresse ab. Ich fühlte mich sehr erleichtert.
An einem Fluss füllte ich meine Feldflasche und gab die Chlortropfen hinzu. Nach einer halben Stunde trank ich das Wasser, was leicht nach Badeanstalt schmeckte, aber bei der Bullenhitze war das egal. Ich hatte nie irgendwelche Beschwerden mit dem Dschungelwasser. Dann erreichte ich nach etwas mehr als 5 Stunden endlich Alto Madidi, doch fand nur eine verfallene Unterkunft der Parkwächter vor. Ich sah Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände, die jemand offenbar kürzlich hier abgelegt hatte. Ich hörte einen entfernten Schuss. Ich nahm meinen Revolver und feuerte einmal in die Luft, dazu schrie und pfiff ich, um mich verständlich zu machen. Bald darauf tauchte aus der Richtung, in der ich den Fluss vermutete, ein Indianer mit über den Arm gelegter Schrotflinte auf. Um den Hals hatte er eine Kette aus irgendwelchen Zähnen und wirkte insgesamt ziemlich abenteuerlich. Er war recht misstrauisch und fragte mich immer wieder, was ich hier tue und woher ich komme.
4 