0 
Im Pando
In Cobija quartierte ich mich in einem Alojamiento ein, das zur Abwechslung einmal sehr sauber war, und begann, die noch benötigten Ausrüstungsgegenstände zusammenzutragen. Dazu gehörten Revolverhalfter, Gummistiefel, Angelhaken mit Piranhaverstärkung, GPS-Gerät und noch vieles mehr. Nach über eine Woche hatte ich alles zusammen, bis auf das Kanu – das wollte ich direkt im Dschungel auftreiben, in der kleinen Ortschaft San Silvestre oder in einem der Nachbardörfer. Ich hatte mich insgesamt sehr sorgsam vorbereitet. Ich setzte mich hin und notierte mir alle meine Schwächen, die ich im Dschungel als potentielle Gefahr für mich einstufte, wie beispielsweise meine nicht besonders gute Orientierungsfähigkeit oder die Neigung zum Tunnelblick. Ebenso notierte ich alle Stärken, wie Durchhaltevermögen oder Anpassungsfähigkeit. Dann nahm ich ein anderes Blatt und notierte alle Gefahren, die ich auf der Expedition vermutete, nach ihrer Gefährlichkeit abgestuft. Dabei fand ich überraschenderweise heraus, dass ich die vermeintlichen Gefahren, die mich die ganzen Tage hindurch am meisten beschäftigt hatten, nämlich große Anacondas, Kaimane, Jaguare und Giftschlangen, bei rationeller Betrachtung gar nicht als die größte Gefährdung einstufte, sondern als geringste. Davor notierte ich sich entzündende Schnittverletzungen, Krankheit durch Viren und Bakterien, Baumfall und sogar Ertrinken. Meine größten Ängste waren also in Wahrheit meine kleinste Sorge.
Bei der Parkverwaltung hatte ich mir die offizielle Genehmigung zum Druchführen meiner Expedition geholt, was anstrengend genug gewesen war. Sechs mal ließ mich die Sekretätin im Büro der Parkverwaltung antanzen, bis ich ausrastete und unhöflich wurde. Dann endlich konnte ich den Direktor sprechen, der mich eindringlich vor den Gefahren des Unternehmens warnte und mich ein Papier unterschreiben ließ, auf dem er notiert hatte, dass die Parkverwaltung im Falle eines Unglücks jegliche Verantwortung ablehnen würde. Ähnliches hatte ich ja schon in Argentinien erlebt, und so unterschrieb ich und hatte nun endlich meinen offiziellen Passierschein. Im örtlichen Naturkundemuseum erkundigte ich mich nach Leuten, die mir etwas über die Reptilien erzählen könnten, und traf Mariano, den Experten auf diesem Gebiet. Er erklärte mir, dass die Schwarzen Kaimane zwar bis zu sechs Meter lang wurden, aber nur nachts auf Beutefang gingen, so dass ich mir tagsüber keine Sorgen zu machen brauchte. Abends sollte ich mein Lager einfach hoch und weit genug vom Ufer entfernt aufbauen, da die Kaimane nachts auf die Sandbänke kamen, um dort nach Fressbarem zu suchen. Zuletzt holte ich mir noch die zweite Tetanusspritze ab, die mir von einer sehr hübschen Krankenschwester verpasst wurde. “Quándo vuelves, wann kommst du wieder?” fragte sie mich, als ich ihr von meinen Plänen erzählte. Ich nahm mir vor, möglichst bald zurückzukehren.
0 