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Teil 2: Sonnenschein und dunkle Tunnel
Nach der Nacht am Polarkreis fuhr ich also weiter über die Hochebene des Semskastodi Naturreservats.
Alles schien verändert: es gab keine Tankstellen oder Supermärkte, keine Häuser am Straßenrand.
Rentierherden kreuzten meinen Weg oder rannten neben mir her, dass der Schnee nur so stob.
Diese Tiere sind dermaßen gut getarnt, dass sie sich kaum gegen die aus dem Schnee herausragenden Felsen
oder Baumgruppen abheben. Aber ein Fahrradfahrer schien ihnen sehr suspekt zu sein - vor Autos oder
Lastwagen hatten sie offenbar jede Scheu verloren.Hin und wieder sah ich Leute, die ihr Auto am Straßenrand geparkt hatten und sich scheinbar zur Jagd aufmachten - einer von ihnen erzählte mir, er jage, wenn ich ihn richtig verstanden habe, Wachteln. Außerdem sagte er mir, dass die Winter in Norwegen seiner Meinung nach immer milder würden. Wie sehr ich die Leute mit Skiern beneidete, die einfach querfeldein aufbrechen konnten, mitten hinein in diese großartige Landschaft! Ich war hingegen an die E6 gebunden, doch auch so bekam ich einen ganz guten Eindruck vom winterlichen Leben oberhalb der Baumgrenze. Diese rund dreißig Kilometer gehören für mich zu den schönsten auf der ganzen Tour. Irgendwann ging es wieder hinab, durch Nadelwald und vorbei an gefrorenen Bächen, samischen Rentiergehegen und im Winter verlassenen Hotels. Ich schlug mein Lager an den Ufern des Saltdalsfjorden auf, es war windstill und klarer Himmel, alles sah nach einer ruhigen Nacht aus. Doch weit gefehlt! Irgendwann nach Mitternacht fegte auf einmal ein sturmartiger Wind über das Fjord, dass ich befürchtete, es würde die Heringe aus dem Boden reißen, die ich - von der Ruhe des Vorabends getäuscht - nur nachlässig in den Boden geschlagen hatte. Das Zelt hielt, doch der Sturm flaute nicht ab. Also beschloss ich so gegen elf Uhr vormittags, meine Sachen schnell zusammenzupacken und ohne warmes Frühstück weiterzufahren. Ich sah auf einem Parkplatz eine hübsche Frau in ihrem Auto sitzen und winkte ihr zu. Sie lächelte und winkte zurück - ich konnte ja nicht wissen, dass sie eine Journalistin war und ich ihr in ein paar Tagen wieder begegnen würde. Glücklicherweise hatte ich Rückenwind, und zwar so starken, dass ich beim Bergauffahren teilweise aufhören konnte zu strampeln! Die Wolken und der Wind wichen langsam einem kalten, blauen Himmel, als ich Fauske erreichte und dort erst mal meine Familie anrief, damit sie aufhörten, sich Sorgen zu machen. Dann gings weiter nach Bodo, den Wind im Rücken und die Sonne im Gesicht. Auf einmal geriet ich in eine Art Rush-Hour - nördlich des Polarkreises ein lustiges Gefühl. Auf der Straße drängte sich Auto an Auto, allesamt aus Bodo kommend und mit der schlechten Laune von Leuten, die acht Stunden am Tag malochen müssen. Manche reagierten genervt, wenn Sie wegen mir an einer engen Stelle der Straße langsamer fahren mussten - einer zeigte mir sogar den Vogel, was mich unheimlich nervte. Bodo liegt, wie viele größere Städte im Norden Norwegens, in einer beeindruckenden Kulisse. Berge, allesamt so markant wie das Matterhorn, und dazu natürlich das Meer. Aus irgendeinem Grund entschloss ich mich, gleich noch einen Tag zu pausieren, in einem recht günstigen Hotel, denn die Jugendherberge zog gerade um. Ich wusste nun zuerst mal nicht so recht, wie die Tour weitergehen sollte, denn ich hatte Hammerfest nicht von Anfang an als Ziel festgelegt. So entschloss ich mich also, in drei Tagen nach Narvik zu radeln, und dann von dort weiter, bis es zu kalt für mich werden würde. Auf der Strecke hinter Fauske waren erst mal sechzehn Tunnel zu bewältigen - zum Glück habe ich keine Tunnel-Angst, doch etwas verkrampft war ich schon, wenn sich genau an meiner Stelle zwei Lastwagen entgegenkamen. Am Ende von Tunnel Nummer sieben oder so machte ich eine kurze Pause. Es war zu kalt, um einfach rumzustehen, also aß ich etwas Wurst, Käse und Schokolade und ging die Straße auf und ab. Ein Auto kam aus der Tunnelöffnung und hielt auf dem Parkplatz an. Der Mann am Steuer sah völlig fertig aus - ich fragte mich, wie es ihm wohl gefallen würde, mit einem Fahrrad durch die Röhre zu fahren... Irgendwann ließ er den Motor wieder an und fuhr ganz langsam weiter, und auch für mich hieß es weiterfahren oder frieren. Als ich nach ein paar knackigen Steigungen am Leirfjorden entlangfuhr, hielt auf einmal ein Auto auf der anderen Straßenseite, und die junge Dame, die mir neulich zugewinkt hatte, stieg aus und winkte mir aufgeregt zu. Sie wollte ein Interview machen. Fast schon routiniert bat ich sie, uns in den Wagen zu setzen, da ich mich doch etwas aufwärmen wollte. Nachdem Fragen und Fotos erledigt waren, verabschiedeten wir uns, und ich nahm den letzten Teil meiner Tagesetappe in Angriff. Ich verbrachte die Nacht in der geheizten Küche eines eigentlich geschlossenen Campingplatzes - der überaus freundliche Besitzer hatte mir eine Hütte für 200 Kronen überlassen wollen, doch ich hatte in Bodo schon zuviel Geld ausgegeben und musste sparen. Da schlug er mir den Schlafplatz in der Küche vor und ich war mal wieder happy. Am nächsten Abend überquerte ich mit der Fähre das Tysfjord und fand nach Einbruch der Dunkelheit, gerade noch vor einer langen und harten Steigung, einen idealen Lagerplatz an einem Aussichtspunkt, direkt über dem Fjord!
Am nächsten Tag gabs zum Frühstück erst mal ein paar deftige Steigungen, dann ging es mehr oder weniger eben dem Ofotfjord entlang nach Narvik. Dort wurde ich unangenehmerweise von einem Autofahrer angeschrien, ich solle gefälligst den Radweg benutzen, was mich wieder teuflisch aufregte. Da legt man hunderte von Kilometern durch Schnee und Eis zurück, und wird von Menschen angeschrien, bloss weil sie mal kurz abbremsen müssen. Doch ich fand eine preiswerte Jugendherberge direkt im Zentrum der Stadt, wo ich mein Zimmer mit einem Deutschen und einer Japanerin teilte, die alle zehn Minuten aus dem Zimmer rannten, um den Himmel nach dem Nordlicht abzusuchen. Ich war jedoch verwöhnt von den Eindrücken der letzten Tage und außerdem war das Licht der Stadt viel zu hell, um allzu viel zu sehen, und so blieb ich meist im Bett liegen und aß viel. Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns und ich fuhr weiter, meinem endgültigen Ziel, Hammerfest, entgegen. Weiter zu Teil 3 |